Veröffentlicht am 22. Februar 2018 von viereinhalbsaetze

Christina Ciupke und Jasna L. Vinovrški: Now and Then. 20.02.2018, Tanzfabrik, Berlin.

Detailverliebt projizieren zwei Stimmen aus dem Off Fotos von großen Ausdruckstänzern*innen in unsere Köpfe, bis das Rechteck aus (gefühlten) 1000 Seiten Blankopapier vollendet ist. Die unbeschriebenen Blätter liegen dicht an dicht, stehen mal für sich und mal als Ganzes. Archivarbeit ist Mosaikarbeit; ist Sisyphusarbeit, stets das Gefühl, der vermeintlich ́absoluten ́ Wahrheit hinterher zu hinken. Mut zur Lücke: Nach dieser Performance ist jedes zerknüllte Stück Papier ein kleiner Monte Verità; ein knisternder Freiraum im Großstadtgetümmel; ein Ort, an dem der gescheiterte Versuch mit Stäbchen zu essen ein Zugewinn und kein Defizit ist; eine flüchtige Insel für nackte Gedanken und frisch gestrandetes Wissen, im Windkanal zwischen jetzt, damals und gleich.

 

 

Szene mit Papier

„Now and Then“ von Christina Ciupke und Jasna L. Vinovrski in der Tanzfabrik Berlin

Veröffentlicht am 25.02.2018, von Hartmut Regitz

Berlin - 840 weiße Blätter im Din A4-Format. Soviel sind es am Ende, von Christina Ciupke und Jasna L. Vinovrsky als Rechteck ausgelegt. Das dauert natürlich seine Zeit, obwohl die beiden Performerinnen mit ihrer Arbeit schon vor Beginn der Vorstellung begonnen haben. Minutenlang schaut man zu, wie die beiden nach und nach den Boden mit Papier bedecken. Mehr Aktion ist nicht. Keine Musik. Nur die Blätter lassen sich bisweilen hören – und nach gut zehn Minuten zwei Frauenstimmen, die offenbar auf Englisch ein historisches Foto beschreiben, auf dem ein paar nackte, aber auch einige bekleidete Menschen zu sehen sind.

Die Szene mit dem Papier entstammt offenbar einer früheren Arbeit der kroatischen Tänzerin, wie auch die projizierte Uhr wenig später, die in den „Zeiträndern” von Christina Ciupke bereits eine Rolle spielte: beides Querverweise auf das Einst und Jetzt, das die beiden in „Now and Then“ auf bildhafte, wenn auch manchmal etwas asketische Weise thematisieren. Denn es bleibt bei dem Beitrag für das „Open Spaces # 1“-Festival der Tanzfabrik berlin nicht bei einem performativen „Boden-Belag“.

Vielmehr spielen Christina Ciupke und Jasna L. Vinovrski eine Zeitlang mit wechselnden Lichtstimmungen und einer flexiblen Projektionsfläche, bevor sie sich selber verwandeln: Statt schwarzen Hosenanzügen tragen beide in der zweiten Hälfte des Stückes weiße Fechtkleidung und greifen, solchermaßen ausgerüstet, zu meterlangen Papierrohren, die bis dahin unbeachtet auf den Seiten des White Cube liegen.

„Schwarz weiß zeigen“ könnte das Stück ab dieser Stelle auch heißen, ein Titel, den Gerhard Bohner 1983 seinen „Übungen für einen Choreografen“ gegeben hat. So wie er damals auf die Bauhaus-Bühne verwies, die immer mehr in den Fokus seiner Arbeit rückte und in der Rekonstruktion des „Triadischen Balletts“ gipfelte, könnte auch Christina Ciupke ihre langjährige Beschäftigung mit den Bildenden Künsten ins Feld führen. Tatsächlich wirkt die Choreografie hier wie die Fortsetzung der Ideen Oskar Schlemmers mit anderen Mitteln, wenn die beiden Performerinnen mit ihren verlängerten Papparmen immer wieder roboterhaft ein Blatt Papier nach dem anderen tauschen.

Das sieht nicht nur spannend aus. Das hat am Ende auch etwas Erhellendes, auch wenn sich die Szene nach und nach eindunkelt. Der Rest ist Stille. Und die Erinnerung an ein ungemein konzentriertes Stück Bewegung, dem man noch viele Vorstellungen wünscht.

 

 

BERLIN ART LINK

Performance // 'Now and Then' in der Tanzfabrik

Artikel von Louisa Stark // Mittwoch, 28. Februar 2018

Sobald das Publikum den Studioraum der Tanzfabrik betritt, um die Performance 'Now and Then' zu sehen, wird Zeit intensiv ins Bewusstsein gebracht. Zwei Performerinnen, Christina Ciupke und Jasna L. Vinvroski, in Overalls gekleidet, legen auf meditative Weise Blätter weißen A4-Büropapiers aus, um ein großes Rechteck auf dem Boden zu formen. Sie befinden sich in dem akribischen Prozess, die Bühne für eine Performance vorzubereiten, die schon eine halbe Stunde zuvor begonnen hat. Dieses Stück ist Teil von Open Spaces #1-2018 in der Tanzfabrik und auch die erste Kollaboration zwischen Ciupke und Vinvroski. Es befasst sich mit Zeitwahrnehmungen, indem es auf subtile Weise jene Periode, in der der unabhängige Tanz entstand, wie auch eigene choreographische Vergangenheiten referenziert.

Das bruchstückhafte Papierrechteck wird langsam vervollständigt, als die aufgenommenen Stimmen der Performerinnen, die eine Fotografie beschreiben, zu dieser andauernden Bewegung abgespielt werden. Sie geben einen Überblick über eine Gruppenszene, bevor sie sich auf Details in den Kostümen der Individuen und auf die Materialität der Fotografie selbst fokussieren. In ihrem Versuch, das Bild in der Zeit zu verorten, wird ein erweiterter Begriff von Geschichte in den Raum eingeführt, der ihn zu verschiedenen Zeitlichkeiten, zu vergangenen und gegenwärtigen, hin öffnet. Auf diese Weise ruft die Performance sehr effektiv traditionelle mündliche und schriftliche Methoden der Geschichtsvermittlung auf, die dann wiederum durch die Präsenz des Körpers kompliziert werden.

Sobald die Aufnahme zu Ende ist, beginnen Ciupke und Vinovrski sich auch der Papierbühne zu bewegen und sie dabei unvermeidlich zu zerstören, während sie sich ein großes zerknittertes Blatt Papier hin und her reichen. Indem sie es über ihren Köpfen halten und ihm erlauben, sich langsam und hypnotisierend auf eigene Weise zu falten, wird das Papier zum Tänzer, während die Performerinnen reine Unterstützerinnen dieser Bewegung sind. Das Blatt ist sowohl ein Träger für das Bild der Zeit, die unterbrochene Projektion eines Ziffernblattes, als auch ein leerer Ort, auf den das Publikum seine eigenen Assoziationen projizieren kann. In dem Moment, in dem das Papier den Rand des Studios berührt, wird es zu jener kollektiv imaginierten Fotografie, die, so wurde uns gesagt, einst an einer Wand gehangen hatte.

Gegen Ende der Performance tauschen die Tänzerinnen ihre Beschäftigung mit Zeit als Objekt gegen deren physische Verkörperung. Dies wird durch einen Kostümwechsel zu weißen Fecht-Outfits signalisiert, sowie durch lange Papierrollen, die wie surreale Erweiterungen des Körpers – in der Tradition Rebecca Horns – auf den Armen der Tänzerinnen stecken. Am Boden liegend rotieren ihre Arme, die wie dreidimensionale Versionen der Uhrzeiger aus der Projektion zuvor aussehen. Dann werden diese Requisiten dazu verwendet, die roboterhafte, repetitive Geste zu performen, übrig gebliebene Papierstapel ohne klares Ziel zwischen ihnen zu verschieben; eine Bewegung, die Raum lässt für sowohl abstrakte als auch konkrete Anspielungen auf die Maschine und auf die Entstehung der Rolle der Angestellten im beginnenden zwanzigsten Jahrhundert – und den Kreis zurück zur den bürokratischen A4-Blättern vom Beginn der Performance schließt.

Diese konsequente Verwendung von leerem Papier in 'Now and Then' funktioniert nicht nur als angenehm minimale Ästhetik, sondern schafft paradoxerweise auch Platz für zunehmend volle und mannigfaltige Assoziationen. Ciupkes und Vinovrskis erklärtes Interesse für „Lücken und fehlende Informationen im historischen Kontext“ ist somit ein Schlüssel zu dieser Performance. Es entlarvt Geschichte als eine unabgeschlossene Erzählung, die, wie die so sorgfältig hergestellte Papierbühne, schnell und chaotisch auseinander genommen werden kann.

 

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