Hartmut Regitz, tanznetz.de

Karlsruhe, 04.04.2008

Christina Ciupke
"Ich mag diese Intimität, vor der manche zurückschrecken”

”E wie Estland” heißt das kleine Festival in Baden-Württemberg, mit dem die nördlichste Balten-Republik derzeit in Baden-Württemberg an den 90. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit erinnern will. Eine Interaktion zwischen Raum, Klang und Tanz hat dieser Tage bereits als Deutsche Erstaufführung unter dem Titel ”In.Act.Union” im ZKM_Kubus der Stadt Karlsruhe stattgefunden. Eine andere ist an diesem Samstag - nicht eine Konfrontation der konventionellen Art, sondern als eine Zusammenarbeit, die nicht zukunftsweisender sein könnte – kooperieren doch bei ”Winners versus Losers” bereits zum wiederholten Male zwei Künstler, die für Estland wie für Baden-Württemberg stehen. 

Mart Kangro gilt als einer der bekanntesten zeitgenössischen Tänzer und Choreografen Estlands. Christina Ciupke wiederum stammt, man will es der Berlinerin nicht glauben, aus dem kleinen Gottwollshausen bei Schwäbisch Hall. Dorthin hat es ihren Vater, ein Deutscher aus Polen, nach dem Krieg verschlagen. Dort startete die künftige Tänzerin eine Karriere, die ihr in der DDR möglicherweise eine Goldmedaille eingetragen hätte: Sie wird Turnerin, und das nicht ohne Erfolg. ”Ich hatte einen geeigneten Körper, war klein und kompakt, super-ehrgeizig und durch nichts zu erschöpfen”, so Christina Ciupke heute, die nach zehn Jahren Schwebebalken wieder auf andere Weise den Boden unter ihren Füßen spüren wollte. Nach dem Abitur ging sie erst als Aupairmädchen nach Paris, dann als weiter Suchende nach Berlin, wo sich ihr Bewegungsdrang nicht länger unterdrücken ließ. Sie nahm Unterricht bei Lydia Wolgina, der langjährigen Primaballerina der Komischen Oper, lernte, wo immer es etwas zu lernen gab – und kam in der Arbeit mit dem Improvisationstalent Bruno Stefanoni schließlich an einen Punkt, wo nur noch ein grundsätzliches Nachdenken über Tanz geholfen hat, einen eigenen Weg zu finden.


Den geht sie unbeirrt nun schon eine ganze Reihe von Jahren, unbeeinflusst von den verlockenden Angeboten, die der Markt für jemanden wie Christina Ciupke bereit hält. Acht Jahre währte die Kooperation mit der Fotografin Gisela Dilchert, eine ebenso kontinuierliche wie konsequente ”Suche nach dem Ausschnitt, der Fragmentierung des Körpers”, wie die Ciupke-Expertin Irene Sieben das Phänomen ihrer Partnerschaft beschreibt. ”Danach konnte ich mein Leben nicht mehr in der Dunkelheit verbringen”, sagt sie selbstironisch und stellt sich nach dem Sensationserfolg mit ”rissumriss” der Herausforderung, das Erkannte in anderen Zusammenhängen zu erproben. Mit Manuela Fischer hatte sie schon zwei Jahre zuvor ”Körper, Terrain” erkundet. Als Gastkünstlerin am Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe erarbeitet Christina Ciupke 2005 mit Kerstin Follenius und Martin Schüttler ”souvenir”. Fast zeitgleich schafft sie mit Myriam Gourfink während einer Residenz am Centre National de la danse Paris ”It Can All Begin Again/ Kill the King”. ”Subtitles” heißt das erste Projekt, das sie mit dem einstigen Forsythe-Interpreten Nik Haffner 2006 auf der Tanzplattform Stuttgart zusammenführt: ”kein Tanz-Tanz, sondern Konzepttanz vom Feinsten; eine Feldforschung, deren Fortsetzung folgen wird” (Sieben). 

In der Tat: Auch in ”Winners versus Losers”, eben im Kanuti Gildi Saal in Tallinn uraufgeführt, bleibt sich Christina Ciupke in ihrer Beharrlichkeit treu: ”Ich bin an einen Punkt angelangt, an dem man bereit ist, mit dem anderen zu teilen und allmählich in den gegenseitigen Mikrokosmos einzudringen. Deshalb sind die Prozesse immer so intim und die Arbeiten am Ende auch. Ich mag diese Intimität, vor der manche zurückschrecken”, weil sie ohne Exhibitionismus in Szene gesetzt wird. Christina Ciupke und Mart Kangro tasten sich ab – nicht in physischer Hinsicht, sondern im kommunikativen Sinn. ”Active in Imagination?” fragt der/die Eine, ”Emotional in balance?”, ”Responsibility?” oder ”Open-minded?” Und jedes Mal reagiert der dermaßen Angesprochene, vor dem anderen sich wälzend, mit einem ”Agree”, ”Disagree” oder ”Strongly disagree”: ein frivoles Frage- und Antwortspiel, dessen ”umwälzendem” Reglement sich die beiden wie zwei frisch Verliebte lustvoll unterziehen. Wer ist Sieger, wer Verlierer? Gewinnt das Gefühl Oberhand, oder obsiegt am Schluss der Verstand? Jeder Art von Beziehung folgt der selben Gesetzmäßigkeit, die der Liebe oder die über Ländergrenzen hinweg. Das Festival “E wie Estland” wird es beweisen. 
 

 

 

Helmut Reglitz, ballett tanz april 2008

Christina Ciupke und Mart Kangro

„Winner versus Losers“

Schwarze Luftballons ringsum. Wer im Kanuti Gildi Saal in Tallinn seinen Platz erreichen will, muss sich einen Weg erkämpfen. Doch Vorsicht: einmal danebengetreten, zerplatz nicht bloß ein Traum. „I know what you think“ ist auf einem Exemplar zu lesen. Ein Knall, und es ist in Nichts aufgelöst.

Christina Ciupke und Mart Kangro lassen sich Zeit. Sie tasten sich ab – nicht in physischer Hinsicht, sondern im übertragenen Sinn. „Active in Imagination?“ heißt es beispielsweise. „Emotional in balance?“, „Resposibility?“ oder „Open-minded?“ Und jedes Mal reagiert der dermaßen Angesprochene vor dem anderen sich wäzend mit einem „Agree“, „Disagree“ oder „Strongly disagree“: ein frivoles Frage- und Antwortspiel, dessen „umwälzendem“ Reglement sich die beiden, wie zwei frisch Verliebte, lustvoll unterziehen.

Der Kampf geht in die nächste Runde. Wie schon vor zwei Jahren in „Longer than Expected“, als die beiden die Grundlagen und Kontrollmechanismen physischer Ausdauer untersuchten, gehen die beiden Performer aus Berlin und Tallinn in „Winner versus Losers“ bis an die Grenze ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit. Doch was heißt hier gehen? Sie laufen hintereinander her, ohne ein einziges Mal den Blickkontakt zu verlieren. Sie sprinten, spielen abwechselnd Verfolger und Verfolgter – und prüfen sich bei dem Gefühlsmarathon auf Herz und Kopf, ganz so, wie es das Klebeband auf ihren bunten Pullis einfordert: „Imagine“ und „Look at me“.

Das Kräftemessen, der Prozess des Kennenlernens hat damit noch kein Ende. Außer Atem flüstern sich Ciupke (sehr zerbrechlich in ihrem roten Shirt) und Kangro (schlank wie sie, aber voller Kraft) die Kontradiktionen wie Koseworte ins Ohr, und je mehr sie „Desire“ und „Disciplined“ gegeneinander ausspielen, das „Confrontation“ gegen ein „Adoration“ eintauschen, desto näher kommen sie sich. Aber nicht bis zur körperlichen Berührung. Noch nicht. Erst am Ender der Szene versucht der eine die andere in die Knie zu zwingen – und umgekehrt. Wer ist Sieger, wer Verlierer? Gewinnt das Gefühl Oberhand, oder obsiegt am Schluss ein Verstand?

Erst nachdem Ciupke von ihrem freudianischen Schlangentraum erzählt hat, scheint sich das Blatt zu wenden. Das einzige Lied des Abends ist zu hören, „I'm in Heaven“ mit Louis Armstrong und Ella Fitzgerald, und allmählich löst sich der „Prozess einer Aktualisierung des Selbstbilds im Verhältnis zum Fremdbild und demjenigen, mit dem man gerne identifiziert werden möchte“. Anders gesagt: endet ein Kampf, der keine Sieger, keine Besiegten kennt. Auf Distanz überlässt sich Ciupke ihrem geschmeidigen Körper. Er signalisiert denn auch Verlangen wie Verführung: ein unglaublich intimer und zugleich intensiver Akt, in seiner Art einzigartig. „Trust me“ heißt es auf dem Pulli der Tänzerin, „You are always on my mind“ auf dem anderen. Wie nach einem Match tauschen sie sie am Ende gegenseitig aus. Für einen Augenblick fühlen sie sich wie in der Haut des anderen.

 

 

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