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In: http://www.tanznetz.de/, 18.06.2011 von Harmut Regitz

Atemberaubender Aufprall

Es geht also auch anders. Mal keine marktschreierische Ankündigung. Nichts als ein einfacher deutscher Titel, der die choreografische ”Auseinander-Setzung” auf das Genaueste erfasst. Und lange, lange Zeit nur eine einzige Bewegung, die mit einem Clash hörbar endet. ”kannst du mich umdrehen” nennen Christina Ciupke und Nik Haffner ihre gemeinsame Arbeit, die sich wie zuvor ”Subtitles” (2006) und ”Dealing with Life” (2008) mit ”Zuständen der Intimität und Momenten von Kontrollverlust” befasst. Die Grenzgängerin zwischen den Künsten und das langjährige Ensemblemitglied des Ballett Frankfurt beginnen denn auch etwas und bleiben dabei, wie es so prosaisch auf dem Programmzettel heißt. Das nämlich, was die beiden in folgende Worte fassen: ”Eine Bewegung in die entgegengesetzte Richtung und eine abrupte Unterbrechung. Kurze Wechsel. Orientierung löst sich vom Raum. Der Moment, in dem sich Veränderung vollzieht. Fast wie ein kleiner Aufprall. Eine Armlänge entfernt.”

Genau. Der Anfang scheint zwar noch etwas grenzwertig, wenn Christina Ciupke erst einmal Abstand nimmt, um anschließend auf Nik Haffner zuzugehen: zögernd zunächst, dann sichtbar schneller, schließlich so beschleunigt, dass der Aufprall ihres Körpers auf den anderen etwas geradezu Atemberaubendes hat. Aber ein Dutzend Mal wiederholt, verändert sich das scheinbar Gleiche unmerklich – und jedes Mal schubst Christina Ciupke ihren Partner ein Stückchen weiter. Er indes gibt seine Passivität nicht so ohne weiteres preis und tut anscheinend nichts, um Christina Ciupke abzuschütteln, wenn sie sich wie eine Klette an ihn heftet: gut einen Kopf kleiner als er, der bei aller Feinheit etwas Grobes hat, und trotzdem voller Kraft.

Doch der Eindruck trügt, und im weiteren Verlauf könnte die Aufforderung tatsächlich heißen: ”kannst du mich umdrehen”, wäre da nicht diese erschütternden Stille, vor der sich jedes laute Wort verbietet – egal, ob als Frage oder als Befehl. Nik Haffner jedenfalls scheint vom Appell seiner Partnerin nicht ganz ungerührt, und in der zweiten Hälfte ändert sich immer wieder die Bewegungsrichtung des Stücks. An einem ändert sich allerdings nichts: Jede Bewegung ist immer nach innen gekehrt, und nichts kann von dem Transformationsprozess ablenken, der mehr und mehr die Motionen in Emotionen verwandelt. Dabei ist das Stück alles andere als ein Selbstläufer, auch wenn es seine Schwierigkeiten nie zur Schau stellt. Um sich so selbstverständlich zu bewegen wie die beiden, muss das Körperliche erst einmal durchlässig gemacht werden für etwas Wesenhafteres. Und das gelingt Christina Ciupke bei aller Ernsthaftigkeit immer wieder auf eine sublim erotische Weise. Nicht zuletzt deshalb schaut man mit wachsender Aufmerksamkeit zu, wenn sich das Kräfteverhältnis mal wieder verändert und die beiden Tänzer dabei bleiben, was sie begonnen haben: eine Partnerschaft, von der noch einiges zu erwarten ist.

Vom 21. bis zum 26. Oktober sind nicht nur die drei Stücke zu sehen, die Christina Ciupke mit Nik Haffner erarbeitet hat. In den Berliner Uferstudios gastiert Christiane Ciupke auch mit ein paar älteren und jüngeren Performances, die Resultat anderer Partnerschaften sind.

 

tanznetz.de, 17.06.2011

Atemberaubender Aufprall

von: Hartmut Regitz

"kannst du mich umdrehen" von und mit Christina Ciupke und Nik Haffner in den Uferstudios

 

Es geht also auch anders. Mal keine marktschreierische Ankündigung. Nichts als ein einfacher deutscher Titel, der die choreografische "Auseinander-Setzung" auf das Genaueste erfasst. Und lange, lange Zeit nur eine einzige Bewegung, die mit einem Clash hörbar endet. "kannst du mich umdrehen" nennen Christina Ciupke und Nik Haffner ihre gemeinsame Arbeit, die sich wie zuvor "Subtitles" (2006) und "Dealing with Life" (2008) mit "Zuständen der Intimität und Momenten von Kontrollverlust" befasst. Die Grenzgängerin zwischen den Künsten und das langjährige Ensemblemitglied des Ballett Frankfurt beginnen denn auch etwas und bleiben dabei, wie es so prosaisch auf dem Programmzettel heißt. Das nämlich, was die beiden in folgende Worte fassen: "Eine Bewegung in die entgegengesetzte Richtung und eine aprupte Unterbrechung. Kurze Wechsel. Orientierung löst sich vom Raum. Der Moment, in dem sich Veränderung vollzieht. Fast wie ein kleiner Aufprall. Eine Armlänge entfernt."

Genau. Der Anfang scheint zwar noch etwas grenzwertig, wenn Christina Ciupke erst einmal Abstand nimmt, um anschließend auf Nik Haffner zuzugehen: zögernd zunächst, dann sichtbar schneller, schließlich so beschleunigt, dass der Aufprall ihres Körpers auf den anderen etwas geradezu Atemberaubendes hat. Aber ein Dutzend Mal wiederholt, verändert sich das scheinbar Gleiche unmerklich - und jedes Mal schubst Christina Ciupke ihren Partner ein Stückchen weiter. Er indes gibt seine Passivität nicht so ohne weiteres preis und tut anscheinend nichts, um Christina Ciupke abzuschütteln, wenn sie sich wie eine Klette an ihn heftet: gut einen Kopf kleiner als er, der bei aller Feinheit etwas Grobes hat, und trotzdem voller Kraft.

Doch der Eindruck trügt, und im weiteren Verlauf könnte die Aufforderung tatsächlich heißen: "kannst du mich umdrehen", wäre da nicht diese erschütternde Stille, vor der sich jedes laute Wort verbietet - egal, ob als Frage oder als Befehl. Nik Haffner jedenfalls scheint vom Appell seiner Partnerin nicht ganz ungerührt, und in der zweiten Hälfte ändert sich immer wieder die Bewegungsrichtung des Stücks. An einem ändert sich allerdings nichts: Jede Bewegung ist immer nach innen gekehrt, und nichts kann von dem Transformationsprozess ablenken, der mehr und mehr die Motionen in Emotionen verwandelt. Dabei ist das Stück alles andere als ein Selbstläufer, auch wenn es seine Schwierigkeiten nie zur Schau stellt. Um sich so selbstverständlich zu bewegen wie die beiden, muss das Körperliche erst einmal durchlässig gemacht werden für etwas Wesenhafteres. Und das gelingt Chirstina Ciupke bei aller Ernsthaftigkeit immer wieder auf eine sublim erotische Weise. Nicht zuletzt deshalb schaut man mit wachsender Aufmerksamkeit zu, wenn sich das Kräfteverhältnis mal wieder verändert und die beiden Tänzer dabei bleiben, was sie begonnen haben: eine Partnerschaft, von der noch einiges zu erwarten ist.

 

 

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