Christina Ciupke und Mart Kangro arbeiteten 2007 zum ersten Mal für ihr Duo „Longer than expected“ zusammen. In ihm untersuchten sie die Strukturen von Wiederholung, Ausdauer und Kontrolle und deren Rolle innerhalb von Prozessen des Lernens.

„Hier geht es schonungslos um alles oder nichts. Wer kann am längsten und wo beginnt die Sucht nach mehr? So fragt die Dramaturgie. Das Repertoire an aerobischen Übungen aus Sport, Krafttraining und Yoga wird synchron durchexerziert, bis einer der beiden den Aus-Knopf drückt. Leise Musik ertönt. Springseile knallen wie Peitschenhiebe. Parallel zur Selbstkasteiung mit Liegestützen adagissimo, Dauerhang am Reck, kniffligen Vierfüßler-Hüpfern und ihrer Balance auf seinen Schultern wird noch per Kassette Englisch gelernt, unregelmäßige Verben. Fit und effektiv ist der Zeitgenosse, straff, distanziert und pragmatisch. Das Ziel: Ausdauer, Adrenalin. Das Leben: pures Üben. Der Moment der Erschöpfung, der im Glücksfall in Euphorie umschlägt, verbirgt sich hinter Beherrschung. Spurlos geht das Überlebenstraining am Beschauer dennoch nicht vorbei. Das Schwitzen und Schnaufen Mart Kangros, die stille Blässe der fragilen Christina Ciupke – beide in Tennisdress und Nike-Sneakers – provozieren zwar das Zwerchfell, doch ein Gefühl des Gerädertseins überträgt sich auf die eigenen Zellen, speziell im Bauchmuskelbereich. Die Spiegelneuronentheorie lässt grüßen. (...)“

Irene Sieben, in BalletTanz International 05/07

 

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