Ein Schattenspiel als ”souvenir

HANNOVER. Ist das Tanz ? Nein. Theater? Auch nicht. Beim Festival spielt Schubladendenken eben keine Rolle- und so findet hier auch eine Künstlerin wie Christina Ciupke ihren Platz, die im Ballhof zwei die Uraufführung von ”souvenir” zeigte.

Die Berlinerin baut ganz auf die Kraft der subtilen Wahrnehmung. Im dunklen Raum sind nur Ausschnitte ihres Körpers und die Schatten dazu vor projezierten Lichtbalken zu sehen (design Kerstin Follenius) Eine Schulter hier, Teile des Rückens dort, später ein Arm, irgendwann erhascht man Blicke auf des Gesicht. Die Bewegungen sind oft sparsam un immer konzentriert,; ab und an verändert sich behutsam die Struktur der Projektionen.

Mit ”souvenir” erinnern also, hat diese einprägsame Wiederholung von Bewegungsmustern einiges zu tun. Das übliche Zeitempfinden gerät bei diesem minimalistischen Vortrag leicht aus den Fugen. Zumal die Klangspur von Martin Schüttler Gesprächsfetzen und Geräusche collagiert, keine wahrnehmbare Struktur liefert.

Eine solche delikate Balance kann aber auch leicht abrutschen. Ciupke gelingt es nicht immer die Spannung zu halten. Und vorzeitig gehende Besucher verträgt diese 50-minütige Aufführung besonders schlecht. Schade drum. Verhaltener Beifall.  wot

Neue Presse, 10. September 2004

 

 

Beim TANZtheater INTERNATIONAL präsentierte auch Christina Ciupke ihr neues Stück souvenir. Im dunklen Raum schiebt sie sich allmählich in ein Lichtrechteck, das ihre Schulterpartie exakt beleuchtet, den Körper darüber und darunter im Schatten versinken lässt. Minuziös vergrößert und verkleinert sich der Lichtausschnitt, und als man gerade glaubt, die Zeit dehne sich über die Wiederholungen und Neuanfänge zu sehr, da gerät diese Schulterstück in Bewegung, dreht hin und her als wäre ihm eine Mechanik eingebaut. Arme fliegen, Arme schleudern, der Kopf hat sein eigenes Tempo. Schließlich gerät der Körper aus den Fugen, verschiebt sich, Schultern, Hals und Rumpf sind verschoben wie bei einem missratenen Faltbild. Auf dieses virtuose Furioso folgt die Beruhigung. Durchaus auch der Gefühle. Denn Christina Ciupke (in der Zusammenarbeit mit Kerstin Follenius und insbesondere dem Musiker Martin Schüttler) gelingt es, in der opulent zu nennenden Reduktion und Konzentration nicht nur den Aufmerksamkeitspegel für subtile Veränderungen, für das Empfinden der Zeit, das Zusammenspiel von Klang und Bewegung zwingend hochzufahren, sondern auch eine Atmosphäre zu schaffen, die emotional berührt.

Katja Schneider, tanzjournal 04/5

 

 

der blick als berührung

tanz am zkm: update von christina ciupke

die berliner tänzerin und choreographin christina ciupke arbeitet derzeit als stipendiatin des berliner senats für zwei monate am institut für musik und akustik des zkm. wie fruchtbar die genre übergreifende zusammenarbeit sowohl mit dem komponisten und gastkünstler martin schüttler als auch mit christian ziegler vom institut für bildmedien war, zeigte ciupke jetzt eindrucksvoll mit zwei tanz-skizzen im zkm-kubus. die tänzerin, deren auseinandersetzung mit körper und bewegung auf der schnittstelle von tanz und bildender kunst liegt, interessieren vor allem medienübergreifende ausdrucksformen. und hier im speziellen die wahrnehmung und ihre mechanismen, wozu explizit das moment der irritation und unschärfe gehört. ihr mit der fotografin gisela dilchert entstandenes stück "rissumriss", das um die themen wahrnehmung und eigen-wahrnehmung des körpers kreist, wurde 2003 auf renommierten tanzfestivals in luzern, münchen und marseille gezeigt. die im zkm kurz per video eingespielten sequencen von "rissumriss" und "reisende" (1999) zeigen langsame, zeitlupenhafte bewegungen, in denen aus einem detail an bewegung komplexe bewegungen entstehen: "eine auseinadnersetzung mit wahrnehmung und dem blick, dem blick als berührung", wie ciupke am ende ihres updates kurz ausführt. vorher aber kam das zahlreich erschienene publikum in den genuß zweier live-performances, die eindrucksvoll die formal klare bis strenge, aber sehr sinnliche tanzsprache von ciupke zeigten. bei part 1 zu musik von martin schüttler, der derzeit im auftrag des zkm ein stück für orchester und elektronik für die darmstädter ferienkurse (das pendant zu den donaueschinger musiktagen) erarbeitet, entwickelt ciupke aud drei weißen quadraten langsam schwebende, flügelhaft ausholende bewegungsmodelle, die jeweils von wassertropfenartigen, aber nachhall freien signalfrequencen ihr ende diktiert bekommen. wiederholung, reduktion und verlangsamung lassen hier ganz eigene zeitfenster der bewegung entstehen. part 2 mit dem videokünstler christian ziegler, bekannt unter anderem durch seine arbeit an "scanned v" (zkm) und dem frankfurter choregraphen forsythe, bewegt sich dann tänzerisch noch weiter in eine art zeit-raum-spiegel hinein. mit videobeamer, kamera und einer art nachtsichtkamera entstehen sich verflüssigende körperbewegungen, mehrfach gespiegelt und fast impressionistisch weichgezeichnet. eine form reduzierten tanzes, die vergangenheit und zukunft gleichermaßen impliziert. ein spannendes update von christina ciupke, auf dessen endgültige resultate man mehr als gespannt sein darf. roger waltz

mensch-media, roger waltz

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