Subtitles
christina ciupke und nik haffner
premiere am 23.2.2006 im rahmen der tanzplattform stuttgart.
weitere aufführungen: berlin, hebbel-am-ufer, HAU 3 am 18. - 20. April, 20
und 22 uhr.
unbewusster dialog: sprache formt unsere bewegungen. unsere bewegungen
beeinflussen das gesprochene wort. doch der zusammenhang ist komplex. denn
körper und sprache kommunizieren mit und durch lücken, übersetzungen,
verschiebungen. eine heimliche, aber mächtige interaktion, die das eigene
selbst ebenso wie den umgang mit anderen lenkt.
christina ciupke und nik haffner überschreiten in ihren choreographischen
arbeiten die grenzen zu anderen disziplinen und medien. 'Subtitles' ist ihr
erstes gemeinsam entwickeltes stück - eine tänzerische erkundung der
wechselwirkung von sprache und bewegung. 'Subtitles' wirft aber nicht nur
persönliche, sondern auch gesellschaftlich relevante fragen auf: wie wirken
sich - ganz alltägliche - ansagen und hinweise auf mich aus? wie verläuft
die kommunikation mit meinem gesprächspartner? wo liegen die grenzen, wann
beginnt manipulation?
credits:
performance: christina ciupke und nik haffner
künstlerische mitarbeit: frauke havemann
übersetzung: priscilla be
licht: fred pommerehn
dramaturgische begleitung: silke bake, claudia bosse, pirkko husemann, astrid sommer
produktionsleitung: maja polk
vielen dank: lars ramberg, eric schefter
eine produktion von christina ciupke und nik haffner in koproduktion mit
dem HAU, dem centre national de la danse paris (Pantin). gefördert aus
mitteln des hauptstadtkulturfonds und durch die senatsverwaltung für
wissenschaft, forschung und kultur berlin, den fonds darstellende künste
e.V. und das goethe-institut paris. mit unterstützung des centro de
creacion l'animal a l'esquena, celrá.
presse
klotzen, nicht kleckern. die siebte "tanzplattform deutschland" sucht in stuttgart die rekorde
in: tanzjournal 2-06
katja schneider
(...) eine andere (sternstunde) präsentierte die plattform gleich zu beginn mit der ersten von zwei uraufführungen (was es auch
erstmals bei der plattform gab): aus dem gesumm des foyers und dem gezwitscher der begrüßungen führten christina ciupke und nik haffner in
ihrer ersten gemeinsamen arbeit subtitles in ein schlafzimmer, auf den teppich, zu einer intimen geschichte. "kannst du die hände an den hals legen?"
sagt er. fragt mehrmals. "!können wir noch mal anfangen?" wird sie später zurückfragen. die kommunikation läuft über das aushandeln,
über verschiebungen, nullpositionen und verweigerungen, die beide einander annähern lassen. man sieht einer liebesgeschichte zu, die zart und dabei
sehr klar in der schwebe bleibt. auf dem teppich sozusagen. (...)
zwischen den zeilen. subtitles von christina ciupke und nik haffner
in: stuttgarter nachrichten vom 16.02.2006
gwendolyn julia sebald
zwei personen begegnen sich. sie kommunizieren; mit mimik, gestik, bewegung und sprache. man versteht sich; man versteht sich nicht.
die tänzerin christina ciupke geht davon aus, dass kommunikation immer eine übersetzung ist: "von meinen gedanken in meine sprache, von meiner sprache zu deinem verstehen." dass dabei missverständnisse aufkommen, ist unvermeidlich, aber nicht (unbedingt) verwerflich. gemeinsam mit nik haffner untersucht sie kommunikation und ihre verschiedenen ebenen. wo entstehen verschiebungen, lücken, sogar leerstellen und warum?
das interesse, sich mit kommunikation auseinander zu setzen, wurde bei ciupke und haffner geweckt, als sie sich 2003 bei einem mehrwöchigen seminar im tanzquartier wien kennen lernten. ein wenig später trafen sie wieder aufeinander; diesmal waren beide für einige monate gastkünstler am zentrum für kunst und medientechnologie in karlsruhe (zkm). eigentlich nämlich arbeitet sowohl christina ciupke - als tänzerin und choreographin in berlin ansässig, auf national und international renommierten festivals präsent - wie auch nik haffner - langjähriger tänzer bei forsythe, mittlerweile freie projektarbeit unter anderem mit dem künstlerkollektiv commerce - im grenzbereich von tanz mit anderen künsten wie photographie und multimedia. insofern betraten beide neuland, als sie sich entschieden miteinander ein stück zu erarbeiten, in dem eine wechselwirkung zwischen sprache und bewegung hergestellt wird: subtitles.
den zufällig entstandenen dialog in einem gemeinsamen projekt fortzuführen war für beide neu, interessant und schwierig zu gleich. wie (künstlerisch) mit dem einem fremden medium sprache verfahren? obwohl bewegungen zu reflektieren die grundlage von tanz ist, waren die ergebnisse erster annäherungsschritte erstaunlich. ciupke und haffner hatten sich zu beginn des arbeitsprozesses entschieden, sich gegenseitig sprachlich konkret formulierte bewegungsanweisungen zu geben. die methode verdeutlicht, wie sehr der körper, auch der des tänzers von alltäglichen, ebenso wie von tänzerischen bewegungen geprägt ist. "was für den einen ganz klar ist, ist für den anderen auch ganz klar, aber ganz, ganz anders", betont ciupke. diese differenz aufzuzeigen, ist das interesse von subtitles; die bewusstwerdung und das wissen von kommunikation(smechanismen). die begegnungen, die zwischen ciupke und haffner in subtitles stattfinden, sind bewusst sehr neutral ausgelegt. es werden unterschiedlichste kommunikationssituationen ausgespielt. zum einen wird dadurch die beziehung der beiden personen jeglicher definition entzogen. zum anderen erlaubt nur eine solche offenheit, die kommunikationsebenen sprache und bewegung reduziert und nuanciert auszuführen.
trotzdem wird es missverständnisse geben und lücken. aber die sind nicht nur unausweichlich, sondern qualitativ wertvoll, weil sie dynamik in ciupkes und haffners sprach-bewegungs-studie bringen. kommunikation ist eben auch, sich selbst über den anderen zu verstehen; ein zwischen-den-zeilen-lesen.
tanzplattform deutschland
in: swr journal am mittag vom 25.02.2006
gabriele wittmann
an neuen formen versuchen sich auch der ex-forsythe-tänzer nik haffner und die durch ihre arbeit mit einer fotografin bekannt gewordene
christina ciupke. beide haben lange mit neuen medien gearbeitet, nun wollen sie das verhältnis von sprache und tanz ausloten. auf dem perserteppich
stehen sich beide gegenüber und geben sich gegenseitig anweisungen. "kannst du dein rechtes über dein linkes bein schlagen, und den kopf in die
rechte hand legen? " sagt nik haffner, und seine mitspielerin tut, was er sagt. oder sie tut es nicht. oder sie tut es anders. oder später. ständig
entsteht eine lücke in der kommunikation, die beiden performer ausloten. was passiert eigentlich in der stille? in der zeit dazwischen, in der die
körper auf der bühne einfach nur da sind , ohne, dass wir zuschauer sie dechiffrieren könnten, sie verstehen, sie interpretieren? eine
spannende fragestellung, die sich die beiden vorgenommen haben. und sie schaffen es auch, dieses körperliche da-sein aufschimmern zu lassen.
in: ballet tanz international 04-06
hartmut regitz
in der knappen stunde entwickelt sich eine beziehung, die ihre sprachliche begrenztheit überwindet. christina ciupke, choreographin
aus berlin, hat sich noch nie mit einer schieren selbstverständlichkeit zufrieden gegeben, und der blick auf den eigenen körper stellte mehr als
die persönliche wahrnehmung infrage. auch bei subtitles, einem choreographischen dialog mit dem einstigen forsythe tänzer nik haffner. als eine der
wenigen uraufführungen bei der tanzplattform in stuttgart vorgestellt, scheint sich dabei zunächst ein solo einfach zu doppeln: immer wieder knien
sie sich in die selbe startposition, gefallen sich in der gleichheit des gefühls. doch die differenz ist nicht aufzuhalten. je länger das sensorische
spiel der beiden dauert, je mehr sie sprachlich zu verständigen versuchen, desto deutlicher distanzieren sie sich voneinander, selbst wenn sie sich
körperlich nahe kommen. <>, heißt es etwa - und von nik haffner im innersten berührt, lässt sich christina ciupke
beinah ins bodenlose fallen. ihr akt der hingabe hat gleichzeitig etwas herausforderndes. das wortlose einverständnis des anfangs weicht mehr und mehr
einer kommunikation, die sich nicht mehr nur auf den körper verlässt. missverständnisse, verweigerungen sind nicht ausgeschlossen, schon gar
nicht, wenn sich die beiden ihre wünsche gegenseitig ins ohr flüstern und sich so dem publikum schamhaft entziehen. das weiß bis zum ende
nicht, wer wen dominiert, und das war mancher kritikerin zu "dröge".
grenztanz
anmerkungen eines jurymitglieds zur auswahl bei der tanzplattform 2006 in stuttgart
in: die deutsche bühne online schwerpunkt 04-06
gerald siegmund
(...) welche konzepte von menschlicher identität entstehen, wenn sich die form verändert, sie sich hinüber bewegt auf die felder benachbarter künste oder sich gar, wie bei thomas lehmen ("lehmen lernt"), nik haffner und christina ciupke ("subtitles") sowie jochen roller und martin nachbar ("mnemonic nonstop"), aufzulösen scheint im sozialen handeln?
dabei steht zweierlei auf dem spiel: zum einen die geschlossenheit der form, zum anderen der damit verbundene sinngehalt. was die stücke jenseits einer
bestimmten tanztechnik, die es hier nicht gibt, verbindet, ist ihr bezug zu den zuschauern. die choreographen wollen nicht mehr ab-geschlossene und
selbstgenügsame kunstwerke produzieren, die transzendente wahrheiten formulieren, sondern sie wollen zusammen mit den zuschauern aktiv handeln - mit von
stück zu stück immer wieder anderen mitteln und techniken, um so fragen zu stellen. identität, so will es scheinen, entsteht überhaupt erst
durch handlung, durch gemeinsames, oft unbemerktes einüben von formen, durch rahmungen und sprachliche benennungen. (...)
entspannte professionalität. die 7. tanzplattform im theaterhaus stuttgart.
in: theater der zeit april 2006
constanze klementz
(...) umstritten war im vorfeld die entscheidung, uraufführungen zu zeigen. soll man künstler dem risiko aussetzen, dass sich eine
vielleicht noch nicht runde arbeit unter den verschäften bedingungen der plattform auf einen schlag international unmöglich macht? die frage
erübrigt sich nicht, aber in stuttgart konnten beide premieren mit dem druck der situation umgehen. sie sorgten in der berlinlastigen und kaum
überraschenden gesamtauswahl für reizvolle unschärfen. bei "subtitles" von christina ciupke und nik haffner liegt die stärke im
understatement. "kannst du mich anpusten?", raunt sie ihm zu und eilt ihm, der schon nach hinten kippt, zu hilfe, so als hätte sie ihn gerade umgeblasen.
sie und er setzen sprache und bewegung ins verhältnis zueinander, jedes mal als auslöser, mal als effekt des jeweils anderen. sie verlangen einander
einfache handlungen ab, die sie umsetzen und variieren, bis sich die kausalketten von bitten, pusten, fallen heillos verwirrt. so unscheinbar die anordnung, so
plastisch werden die akteure ciupke und haffner. ihr behutsamer schlagabtausch ergibt nicht nur in hinblick auf wort und tanz ein beziehungsstück.
"kannst du mich anpusten?" christina ciupke & nik haffner mit "subtitles" bei der tanzwerkstatt europa
in: http://www.tanznetz.de/ vom 05.08.2006
katja schneider
"kannst du mich anpusten?" fragt sie ihn. er pustet, nachdem eine dame in der ersten reihe die frage ins englische übersetzt hat, und möchte später von seiner partnerin, dass sie - als reaktion auf sein pusten - sagt, ich falle, und fällt. er fange sie auf, sagt er. er pustet, sie sagt "ich falle" und fällt simultan. er fängt sie auf.
"subtitles", das gemeinschaftswerk der berliner choreographin und tänzerin christina ciupke mit dem choreographen und langjährigen forsythe-tänzer nik hafner, kreist um solche parallelfälle und verschiebungen sprachlicher und körperlicher performanz. naturgemäß wird dabei kleingeklöppelt. es geht um nuancen, um die lücken in dieser kommunikation, um die rückkopplungen zwischen wörtern, sätzen, gesten und bewegungsfolgen. ciupkes beharrlichkeit und minutiöse genauigkeit in ihren bisherigen licht-körper-schatten-arbeiten prägt unter anderem vorzeichen auch dieses duett. wer untertitelt hier was? was vermittelt der untertitel? was das "bild" - zwei einander anscheinend zugetane, aber kaum expressive mimik zeigende performer in brauner kleidung auf beige-braunem perserteppich? und wie spielt der raum in köln herein, jenes zimmer, das (als textband auf dem monitor) beschrieben wird?
klare ansagen, sparsame bewegungen, wiederholungen, abbrüche, neuanfänge. "kannst du dir vorstellen, welche bewegung ich als nächstes mache?"
fragt er. da beginnt in ihrem kopf anscheinend ein film aller bewegungen, die hier gemacht wurden, abzulaufen, sie spricht und spricht, schreibt ihm zu,
den kopf von ihm abgewandt. als sie zu ihm schaut, sieht sie, dass er längst still steht. neben dem spannenden wort-bewegungs-spiel sind es diese zarten,
ja zärtlichen momente, die "subtitles" so stark machen.
wissen in bewegung. münchen: tanzwerkstatt europa mit überraschungen
in: augsburger allgemeine vom 05.08.2006
nora abdel rahman
(...) "subtitles" von christina ciupke und nik haffner konnten keinen schöneren kontrast zur eröffnung (frank von nigel charnock)
bieten. wohnzimmeratmosphäre herrschte am i-camp, dem kleineren, intimeren veranstaltungsort für tanz in münchen. ein teppich, ein tisch und
zwei gläser mit wasser sowie ein fernseher - das ist die ausstattung, in der die zwei tänzer ihre auf einfache sätze reduzierte tanzperformance
darbot. wie formt sprache unsere körperbewegungen? wie beeinflussen unsere bewegungen das gesprochene wort? kurze sprachliche anweisungen wie etwa "kannst
du mit deinen händen meine haare berühren" und der die bewegungen ausführende tänzer ergeben eine komplexee choreographie. das stück
zerlegt tanz und sprache gleichsam in einzelteile, die gerade durch dieses verfahren einfache menschliche handlungsstrukturen offenbaren. der
zeitgenössische tanz, das zeigen die genannten beiden stücken, nimmt sich selbst unter die lupe.
sprich mit ihr. christina ciupke und nik haffner eröffnen mit "subtitles" die reihe "fabrikationen 06" in der tanzfabrik
in: tanzraum10-06
sandra luzina
"noch mal!" wenn die ersten worte fallen, springen wir mitten hinein in eine geschichte. ein mann und eine frau. unzählige geschichten sind bereits erzählt worden. christina ciupke und nik haffner aber gelingt es in "subtitles" die beziehung eines paares bis zum ende kunstvoll in der schwebe halten.
die berliner choreografin und der frühere forsythe-tänzer und experte für neue medien untersuchen die wechselbeziehung von sprache und bewegung und betreten damit ein für sie unbekanntes feld. ciupke und haffner entwickeln eine choreografie in der sprache - zugleich ist "subtitles" eine subtile studie über intimität.
"kannst du deinen hals berühren? kannst du deine hände berühren?" anfangs leitet er sie an, sie führt aus. die kommunikation stellt sich her über leerstellen, verschiebungen und übersetzungen. wiederholt flüstern die beiden sich ihre wünsche ins ohr, sie entziehen sich damit dem publikum und regen gleichzeitig dessen fantasie an. der zuschauer fängt bald an, dem geschehen untertitel zu geben. die geschichte von einem mann und einer frau - eine liebesgeschichte? - entsteht so letztendlich im kopf des betrachters.
"kannst du mich anpusten?" fragt er und leitet damit ein neues spiel ein, dass die beiden weiter annähert. sie pustet, lässt sich dann selbst fallen wie umgepustet, nicht ohne gleichzeitig anzukündigen: "ich falle". bald weiß man nicht mehr, was der auslöser, was die reaktion ist. was vermag sprache zu bewegen? was löst das sprachliche handeln aus?
das sprechen ist ganz unaufgeregt und undramatisch, die bewegung werden neutral, fast technisch ausgeführt. obwohl die emotionen in der darstellung ausgeklammert werden, schwingen sie ständig mit.
lange kann man sich diese interaktion anschauen, ohne an männliche dominanz und weibliche unterordnung zu denken. doch kommunikation ist kein herrschaftsfreier raum, das machen ciupke und haffner klar, ohne dabei ins vordergründig-plakative abzugleiten. sie loten aus, wann aus dem anleiten ein manipulieren, aus dem begehren ein kontrollieren wird.
gegen ende wird sie ihn auffordern: "kannst du langsam die hände unter dein hemd verschwinden lassen? dann berührst du mit der linken hand die haut auf deiner brust." er verweigert sich, verzögert - und sie steigert sich in einen sprechrausch hinein. eine kaum greifbare intimität entsteht mit der zeit zwischen den beiden protagonisten. intimität meint nicht ein verstehen ohne worte, sie ist sprachlich konstituiert.
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