reisende

tanz und fotografie: christina ciupke und gisela dilchert
 

sich umwenden
zurückblicken
mit dem auge einen ausschnitt wählen
warten
den raum durchqueren
eine begegnung meiden
in gedanken weitergehen
eine veränderung wahrnehmen
innehalten
sich umwenden
sich in einem augenpaar gespiegelt wiederfinden -
 
zwischen denken und sprechen öffnet sich ein weiter raum, den die bewegung durchquert.
ein raum der möglichkeiten, unsicherheiten, assoziationen,
entscheidungen. diesen raum erforsche ich mit bild und bewegung.
 
am anfang der arbeit steht ein leerer raum.
er ist in der tanzaufführung ein handlungsträger gleichermassen
mit dem körper und dem bild. die bewegung des körpers bewegt das bild
und löst den raum aus seiner umfassenden form. körperbewegung
und bild, bewegt durch körper, überlagern sich, lösen sich ab, verschieben sich gegeneinander. ein spannungsfeld entsteht und erstreckt sich zwischen raum, bewegung im raum und blick.
 

credits:

tanz, raum, choreographie: christina ciupke
fotografie: gisela dilchert
musikkomposition: johannes koeniger
licht: tomski binsert
assistenz: kerstin follenius
technische assistenz: tim tucker
 
dauer der vorstellung: ca. 60 min
 

Presse
 
berliner morgenpost 29.05.99
christina ciupke aug'in auge mit dem tanzraum

schon im foyer des theaters am halleschen ufer begint die vorstellung. im zentrum des schwarzausgekleideten vorraums schwebt ein leibchen, von dem ein auge starr auf den besucher blickt. mit freiem oberkörper nimmt christina ciupke den weg zu dem leibchenauge auf. ihre haut fungiert dabei als projektionsfläche, auf der das augenoval bei jedem schritt hin und her schwankt. als wolle sie 'ganz das auge werden, schlüpft sie in das leibchen, lässt das bild spielerisch über arme, hände muskeln gleiten.
nach dieser stillen einstimmung öffnet sich dem weiteren stückverlauf der saal. zuschauer und actrice, beide "reisende", wie der titel lautet, machen sich auf den weg. ein ganzer wald aus augen, einzelnen und zweifachen, spannt den bühnenraum aus. lautlos wie ein schatten bewegt sich die tänzerin durch das dickicht, greift die projektionen mit ihrer nackten haut auf, wird teil des raumes. langgezogene geräusche (komposition johannes koeniger) unterstützen die trancestimmung beim flirrenden spiel zwischen bewegtem und installierten bild. von ihrer bewegung her ist "reisende" ein leises stück mit nie abreissendem fluss. als die augenprojektionen erlöschen wird die suche der tänzerin intensiver. raffinierte ausleuchtung der szene (tomski binsert) lässt den körper schattenlos agieren. gegen schluss erhellt nur noch ein scheinwerfer die fläche und zaubert ein enges schlieriges lichtrechteck auf den boden. in schwebelagen versucht sich christina ciupke auf die neue situation ihrer reise einzustellen. dann befreit sie sich urplötzlich aus der entgrenzung ihres raumes und geht ab. konsequent verfolgt christina ciupke seit jahren ihr ziel, das verhältnis von bewegung und raum zu recherchieren. mit reisende ist ihr ein sehenswertes ergebnis gelungen.
volkmar draeger
 

"reisende" von christina ciupke/gisela dilchert, UA theater am halleschen ufer berlin in der reihe "tanzzeit" für NDR_TuZ-journal , 28. 05. 99

was ist raum? eine leere, schwarze kiste. ein bis in die letzte ritze mit klang gefüllte, kompakte masse. ein strikt begrenzter ort der möglichkeiten, der begegnungen wie bewegungen, des lichtes, das segmente herausschneiden kann, schliesslich ein ort zum sichtbarmachen und verschwindenlassen von bildern, gedanken und erinnerungen.
schon im foyer ist es dunkel. nur ein grosses leuchtendes auge schaut unbewegt ins nichts. es ist auf ein transparentes kleid projeziert. aus lautsprechern dringt leises grummeln und rauschen, die strasse draussen fügt ihren gedämpften lärm hinzu. eine junge frau mit nacktem oberkörper schiebt sich zwischen projektor und kleid. das auge starrt nun von ihrem rücken. oder auf ihren rücken? sie bewegt sich leise nach rechts und links, das auge tastet ihren körper ab, verschwindet auch mal unter ihrer achsel, wechselt scheinbar den ausdruck. der körper als projektionsfläche, entblösst und bedeckt zugleich, sieht und wird sichtbar durch den von gisela dilchert fotografierten blick, stellt sich dar als subjekt und objekt gleichermassen. mit einer leichten bewegung schlüpft christina ciupke in das kleid der installation und aus dem lichtkegel, das auge findet keine fläche mehr und verschwindet, ohne mit der wimper zu zucken. drinnen im theaterraum taucht es wieder auf, vervielfältigt, einzeln oder zum riesigen augenpaar vereint, weit in die tiefe der bühne gestaffelt. der körper wirkt klein dazwischen und zerbrechlich mit seinen langen ausgetreckten dünnen armen und beinen, dem runden kopf darauf. er erscheint im licht der augen und verschwindet im dunklel daneben. ein auge heftet sich auf den rücken der tänzerin - eine riesige schimmernde iris, gerundet plötzlich, nicht mehr fläche, das bild hat den körper okkupiert, ist für einen augenblick selbst körper geworden. mit ruhigen, ausgreifenden bewegungen zieht die frau durch diese befremdliche landschaft aus licht und schatten, begleitet von einem elektronischen vibrieren, das sich bedrohlich steigert und anreichert mit alltagsgeräuschen, wort- und stimmrudimenten.
innen und aussen fliessen ineinander wie illusion und realität, objektiver zwang und subjektive freiheit. das bild des verschwindet, pures licht bleibt übrig auf den gaze-rechtecken, bis auch die erlöschen und nur noch ein helles karree am boden übrig bleibt. was ist ein viereck? ein aquarium. ein gefängnis , ein wunschort, ein auge vielleicht auch nur. und während so die blicke auf ihr ruhen, die blicke von uns, dem publikum, die blicke der toten, projezierten augen, die blicke der gleichgültigen scheinwerfer, bleibt sie sehr mit sich allein, die tänzerin. und doch hat sie eine menge erzählt. mit kargen mitteln, einer überzeugenden idee und vielen, vielen fragen, die keine worte brauchen.
 
christina ciupkes kaum eine stunde währende begegnung mit augen, licht und klang ist so konsequent wie präzise gearbeitet. "ich denke nach über die schwelle zwischen denken und sprechen" schreibt sie. "hier öffnet sich ein weiter raum, den die bewegung durchquert. ein weiter raum der möglichkeiten, unsicherheiten, assoziationen entscheidungen". dieser raum erscheint manchmal ganz schmal, dann wieder gähnend, fragend, tastend weit. im leben. und auf der bühne in diesem kleinen, stillen, so kompakten wie schwebenden werk.
mechthild tschau